Carte blanche: Wenn Lehrkräfte ausbrennen, verliert die Grundschule
Es kommt selten vor, dass im Parlament über Parteigrenzen hinweg ein so breiter Konsens besteht: Unsere Grundschule steht unter erheblichem Druck. Und immer häufiger sind es die Lehrkräfte, die diesen Druck bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit spüren. Die Frage lautet daher längst nicht mehr, ob wir ein Problem haben. Die entscheidende Frage ist vielmehr: Wie verhindern wir, dass immer mehr Lehrpersonen ihren Beruf aufgeben? Dieser Frage geht Gaston Ternes in dieser Carte blanche nach.
Die Realität im Klassenzimmer hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Die Rolle der Lehrkraft ist deutlich komplexer geworden. Heute müssen Lehrpersonen gleichzeitig pädagogisch begleiten, Konflikte lösen, Eltern beraten und den immer vielfältigeren individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler gerecht werden.
Die Inklusion von Kindern mit besonderen Bedürfnissen ist richtig und unverzichtbar. Eine inklusive Schule darf jedoch nicht bedeuten, dass eine einzelne Lehrkraft die gesamte Verantwortung allein trägt. Wenn wir Inklusion ernst nehmen, brauchen wir mehr spezialisierte Unterstützung direkt im Unterricht sowie schnelle und unbürokratische Verfahren, die nicht monatelang in administrativen Abläufen stecken bleiben. Das ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.
Eine weitere große Herausforderung ist die Bürokratie. Viele Lehrkräfte haben heute das Gefühl, mehr Zeit mit Verwaltungsaufgaben als mit den Kindern zu verbringen. Die Digitalisierung allein löst dieses Problem nicht – insbesondere dann nicht, wenn sie lediglich neue administrative Belastungen schafft. Was gebraucht wird, sind konkrete Entlastungsmaßnahmen: Schulsekretariate für die Grundschule, administrative Unterstützung und eine pädagogische Organisation, die wieder genügend Raum lässt, den Fokus auf den Unterricht und das Kind zu richten.
Hinzu kommt, dass keine zwei Grundschulen vor denselben Herausforderungen stehen. Was in einer Gemeinde erfolgreich funktioniert, lässt sich nicht automatisch auf eine andere übertragen. Deshalb benötigen die Schulen mehr Autonomie und größere Entscheidungsspielräume im Alltag. Professionell geführte Schulleitungen mit klaren Kompetenzen, ausreichenden Ressourcen und einer engen Anbindung an die Praxis könnten sowohl zur Entlastung des Lehrpersonals als auch zur schnellen Lösung konkreter Probleme wesentlich beitragen.
Besonders prekär bleibt zudem die Situation der Chargés. Sie tragen heute einen wesentlichen Teil unseres Schulsystems. Aufgrund des Lehrkräftemangels werden inzwischen rund 25 Prozent der Unterrichtsstunden von ihnen übernommen. Dennoch arbeiten viele von ihnen in permanenter Unsicherheit und wechseln von einem befristeten Vertrag zum nächsten. Eine Schule kann auf Dauer nicht stabil funktionieren, wenn ein Teil ihres Personals Jahr für Jahr ausgetauscht wird.
Schließlich müssen wir endlich offen und ehrlich über die tatsächliche Arbeitsrealität von Lehrkräften sprechen. Ein großer Teil dessen, was qualitativ hochwertigen Unterricht ausmacht – Vorbereitung, Leistungsbewertung, Differenzierung, Teamarbeit und Elterngespräche –, findet am Abend oder am Wochenende statt. Das ist nicht akzeptabel. Eine moderne Schule braucht daher auch eine zeitgemäße und realistische Definition des beruflichen Auftrags einer Lehrkraft.
Es gibt keine Wunderlösung. Es gibt jedoch konkrete und umsetzbare Ansätze. Vielleicht sollten wir aufhören, ständig neue Reformen anzukündigen, und stattdessen die bestehenden Maßnahmen konsequent evaluieren, weiterentwickeln und verbessern.
Denn die Qualität einer Schule entscheidet sich nicht durch Reformen auf dem Papier. Sie entscheidet sich durch die Menschen, die jeden Morgen die Tür ihres Klassenzimmers öffnen.


